Die Schönheit des Christentums – Eine muslimische Liebeserklärung

Der muslimische Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi verfasst eine Liebeserklärung zur Schönheit des Christentums. Eine Empfehlung!

Karimi, Ahmad Milad: Die Schönheit des Christentums. Eine muslimische Liebeserklärung, 112 S. ISBN 978-3-8436-1676-8, Ostfildern 2026
 

Quelle: Verlag Patmos

Der muslimische Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi verfasst eine Liebeserklärung zur Schönheit des Christentums. Schon in diesem Titel liegt ein wertvoller Beitrag zum muslimisch-christlichen Dialog. Professor Karimi schreibt über wesentliche Aspekte des Christentums mit großem Respekt und eindrucksvoller Offenheit. Christliche Lesende lernen zentrale Bilder des eigenen Glaubens durch die Außenperspektive neu kennen. Karimi betont das Verbindende zwischen Judentum, Christentum und Islam – auch über die Schönheit des Judentums hat er Eine muslimische Liebeserklärung verfasst –, er lässt sich durch die Fremdheit aufrütteln, in der Tiefe seiner Gedanken und Erfahrungen ansprechen und vertieft dadurch seinen eigenen Glauben. Aus Karimis Haltung, in der er dem Christentum begegnet, lässt sich Wesentliches lernen für den interreligiösen Dialog (S. 7–16: Eine Liebeserklärung im Angesicht des Fremden).
 
Wie Karimi Das Kind in der Krippe (S. 17–28) beschreibt und deutet, eröffnet einen faszinierenden Zugang zu christlichem Menschenbild, Weltverständnis, Gottesbild und Ethik. Wer jungen Menschen einen Zugang zum Christentum ermöglichen möchte, findet in diesem Buch eine Aussagekraft, die durch die Außenperspektive eine besondere Dynamik entwickelt.
„Die Krippe zwingt dazu“, so Karimi, „den Menschen nicht aus der Perspektive des Erfolgs zu lesen, sondern aus der Perspektive seiner Angewiesenheit.“ (S. 22) Karimi formuliert hier einen zentralen Punkt des christlichen Menschenbildes, aus dem in direkter Konsequenz eine Ethik zu entwickeln ist, die sich dafür einsetzt, dass jedes Kind dieser Welt geschützt wird. Karimi deutet die Krippe als „Schule des Erbarmens“ (S. 24). Gottes Zuwendung gehe nicht am ungeschützten Anfang des menschlichen Lebens vorbei und stelle keine Bedingungen, die der Mensch erst erfüllen müsse, um Gottes Nähe erfahren zu dürfen.
 
Karimis Gedanken zur Taufe (S. 26–28), zu Maria (S. 29–38), zur Begegnung von Maria von Magdala mit dem Auferstandenen (S. 39–47) – diese Texte begegnen dem spezifisch Christlichen nicht mit Abwehr, sondern voller Staunen. Wenn im Religionsunterricht junge Menschen sitzen, denen christliche Glaubenspraxis einfach nur fremd oder voller Klischees erscheint – davon gibt es sehr viele –, sie können bei Karimi Gedankengängen folgen, die Wertschätzung ausbuchstabieren, ohne zu überwältigen.
 
Obwohl sich weder Gottes Menschwerdung (S. 48–55) noch die Trinität mit dem muslimischen Gottesverständnis vereinbaren lassen, reflektiert Karimi auch diese Zumutung für seinen Glauben wertschätzend. Das vergleichende Ringen um die Übernähe Gottes (S. 56–65), in dem Karimi das muslimische Gottesverständnis dem christlichen Inkarnationsgedanken gegenüberstellt, führt zu der Kernaussage, „dass Gottesrede sich an der Würde des Verwundbaren bewähren muss“ (S. 60). Karimi deckt auf, wie stark der Inkarnationsgedanke die Liebe zum Menschen in den Mittelpunkt stellt und zum Maßstab macht. Etwas von dieser Wahrheit lässt er in das eigene Herz fallen (vgl. S. 65). In seiner Reise durch die Schönheit des Christentums schreibt Karimi, wie er sich von Kirchenglocken (S. 66–67) und der stillen Atmosphäre von Kirchenräumen (S. 68–69) berühren lässt, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Der Anblick des Kreuzes (S. 70–83) lässt Karimi seinen inneren Widerstand artikulieren und doch die Tiefe und Radikalität dieses Skandalons wahrnehmen. Wie er die Frage nach der Nähe Gottes im Leid des Menschen ausbuchstabiert, ist ein Geschenk für christliche Kreuzestheologie. Unter dem Titel Der offene Riss (S. 84–89) deutet Karimi die Suren des Korans, die den Tod Jesu am Kreuz in Frage stellen. Sowohl den muslimischen als auch den christlichen Weg sieht er als „Aufstand gegen die Verfügbarkeit“ (S. 87). Die Stimmen beider Religionen erscheinen ihm „nicht nur als Gegensatz, sondern auch als Gespräch“ (ebd.).
 
Einen besonderen Blick wirft Karimi auf die Evangelien – Eine Hoffnung, die bleibt (S. 90–99). Im Vergleich zum Koran hebt er den Zeugnischarakter der Evangelien hervor, deutet ihre Vielgestaltigkeit philosophisch und findet in ihnen „etwas Auferstehungshaftes schon vor Ostern: eine Weise zu leben und zu lieben, die dem Tod seine Endgültigkeit nimmt.“ (S. 96) Voller Poesie drückt er seine Faszination aus.
Die abschließenden Gedanken zur Verflechtung (S. 100–105) von Islam und Christentum verdeutlichen die Haltung, in der Karimi sich und seinen Glauben dem Christentum aussetzt. Er erlebt in der Befragung des Gegenübers eine Vertiefung seines eigenen Glaubens.
 
Welch Einladung, im Miteinander Menschlichkeit zu erfahren und die Schönheit der Religionen zu entdecken! Danke an Ahmad Milad Karimi!
 
Meine Leseempfehlung richtet sich an Religionslehrkräfte aller Schularten. Es wäre wünschenswert, wenn Sie in Gymnasien und Beruflichen Schulen auch Schüler*innen von dieser Lektüre überzeugen könnten.
 
Auf der Verlagsseite können Sie das Buch bestellen.
 
Dr. Sabine Mirbach
Direktorin des Instituts für Religionspädagogik
der Erzdiözese Freiburg